PKP - Personal Kanji Project

PKP - eine Symbiose von Kunst und Lernen


Bildergalerie: Personal Kanji Project


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    "ichi - eins": Der waagerechte Strich, die erste Basistechnik im Shodo.
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    "san - drei": Das Ausrichten und Verbinden aufeinander folgender waagerechter Striche.
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    "shi - vier": Der Wandel vom Eckigen zum Runden.
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    "hachi - acht": Feinste Änderungen im Detail.
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    "ku - neun": Von getrennten Pinselschlägen zum Verbindung mit Weiterlauf.
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    "han - halb": Änderungen der Strichzahl und -reihenfolge von Kaiso zu Sosho.

Kunst oder Lernen oder Beides?


"Soll ich lieber Kunstwerke malen oder besser Kanji lernen?"

Der Anfang meiner Kalligraphie lag in meiner Entscheidung die japanische Sprache zu lernen. Nachdem mir das Zeichen Mo gelehrt hatte, dass für mich das Schreiben mit dem Pinsel der Weg der Wahl ist, stellte sich mir recht bald die nächste schwierige Frage. Japanisch zu lernen ist enorm zeitaufwendig und langwierig und als Berufstätiger und Familienvater dauert es nicht lange, bis sich die Frage stellt, welchem Aspekt man bei begrenzt verfügbarer Zeit den Vorzug gibt. Ich entschied mich für einen Mittelweg: Meine Kalligraphien sollen keine isolierten Kunstwerke sein, sondern ich möchte lernen ästhetisch Japanisch zu schreiben. Vorlagen zu kopieren und nicht zu wissen bzw. lesen zu können, was ich da schreibe, war für mich keine Option.

So lernte ich früh die Hiragana und Katakana und schrieb meine Grammatik- und Vokabelübungen von Anfang an mit Tusche und Pinsel auf traditionellem Papier. So dauerte es nicht lang, bis ich zuerst das moderne und dann das alte Hiragana fliessend schreiben konnte. Nur die Kanji dazwischen blieben auf einem Niveau der einfachen Schrift aber erreichten nicht das der Schönschrift. In meinem Shodo-Unterricht lernte ich zunehmend verschiedene Kanji, bevorzugt in Kaisho und meine Übungstexte entwickelten sich dahin, dass ich mit den Kana zufrieden war und zwischen der Mehrzahl der einfach geschriebenen Kanji einige schöne Versionen einflossen, welche ich inzwischen im Shodo-Unterricht gelernt hatte.

Dann fiel mir ein wunderbares Kanji-Referenzbuch von Naoe Naganuma in die Hände, in dem japanische Kanji für westliche Schüler gelehrt werden und das zu jedem Zeichen mehrere Schreibformen von Kaisho bis Sosho entielt. Das zweite grosse Glück hier ist die Toleranz und bewundernswerte Geduld meiner Lehrerin, Sensei Nobuko Häufle-Yasuda. Sie akzeptierte meinen Wunsch zu lernen Japanisch zu schreiben und erlaubte mir Zeichen nicht nach ausgewählten künstlerischen Vorlagen sondern systematisch aus einem Lehrwerk zu lernen.

Im Frühsommer 2014 kam mir dann die Idee mein persönliches Kanji Projekt zu beginnen. Hierbei lerne und übe ich nacheinander jedes Kanji in den vier Formen

Kaisho - Druckschrift, neutraler bis leicht runder Stil
Gyosho 1 - Halbkursivschrift in abgesetztem Stil
Gyosho 2 - Halbkursivschrift in dynamisch verbundenem Stil
Sosho - Kursivschrift

Mir ist klar, dass ich mit diesem Vorhaben die nächsten Jahre beschäftigt sein werde, aber das ist bei dieser Sprache nun mal so. Um meine Langzeitmotivation zu stärken, habe ich mir vorgenommen für jedes Zeichen am Ende ein Blatt mit den vier oben beschriebenen Versionen zu schreiben, signieren und zu stempeln. Ich bin sehr gespannt, wie viele Zeichen ich schaffen werde. Aber einen Erfolg merke ich schon: Es ist gleichermassen faszinierend wie aufschlussreich zu erleben, wie sich die Zeichen entwickeln. Ich tue mir deutlich leichter zu verstehen, weshalb ein Zeichen in Gyosho und Sosho seine neue Form bekommt und wieso es sich natürlich und plausibel anfühlt es so zu schreiben wie es im Referenzbuch ausgeführt ist. Die Entwicklung jedes Kanjis ist wie ein kleiner spannender Abenteuerpfad. Man beginnt mit dem vertrauten Geradlinigen und verfolgt live mit, wie es sich zu einem immer dynamischeren Unerwarteten verändert.

Naoe Naganuma, altes Referenzbuch für Kanji


Im Sommer 2013 zeigte mir ein Kollege in einem Shodo-Seminar stolz seine jüngste Jagdtrophäe, ein altes Kanji-Referenzbuch. Das Buch entpuppte sich als wahrer Schatz, ich möchte es deshalb kurz vorstellen:

Der Autor ist Naoe Naganuma und bereits in den 1940er Jahren entwickelte er ein Lehrverfahren die japanische Sprache westlichen Studenten effizient zugänglich zu machen. Unter den vielen Werken gefallen mir seine Kanjireferenzbücher Kanji Book 1 - 8, edition 1951 mit Abstand am besten. Sie liefern zu jedem Zeichen eine Fülle an Informationen, die ich so von keinem anderen Japanischlehrbuch für Nicht-Japaner kenne. Hier ein Auszug seiner Erklärungsseite:

Bemerkenswert ist die Angabe verschiedener Schreibformen des Kanji und auch die Angaben alter Schreibweisen vor der Vereinfachung im Jahr 1948.

In der großen Darstellung im Stil Kaisho sind die Führungen der einzelnen Pinselstriche und vor allem die Strichreihenfolge aufgeführt.

Quelle: Naganuma, Naoe: Kanji Book 1, page -vi- Japan, 1951

Links neben der Kaisho-Darstellung finden sich die beiden Gyosho-Formen und eine Sosho-Form. Rechts unten zeigt er ein paar Vokabeln, die das Kanji als Teilelement verwenden.

Das Buch ist meines Wissens nach vergriffen und nicht mehr im Druck. Man kann es jedoch mit etwas Geduld auf Amazon bekommenm wobei die Verkäufer fast ausschlisslich in den USA sind. Hierbei müssen Sie aber zwei Merkmale beachten: Es muss Kanji Book heissen und nicht etwa Word Book oder List of 500 Kanji, und die Ausgabe muss aus dem Jahr 1951 sein. Band 1 und 2, die die Kanji 1 bis 300 und 301 bis 650, sind noch recht leicht als gebundenes Buch oder als Paperback zu bekommen. Ab Band 3 wird es schon schwierig und spätere Bände habe ich einzeln als 1951er-Fassung bisher nicht gefunden. Ich selbst hatte das enorme Glück alle acht Buchbände der Erstausgabe aus einer Bibliotheksauflösung in den USA zu bekommen, der Preis war horrend, da der Verkäufer wohl wusste, wie selten seine Schätzchen sind.

Japanisches Referenzbuch für Kanji


Als zweite Referenz möchte ich Ihnen ein modernes japanisches Kanji-Referenzbuch zeigen. Dieses ist für westliche Schüler deutlich schwerer zu benutzen, denn die Zeichen sind nicht nach der für Japaner völlig unüblichen und nebenbei auch unverständlichen Nummerierung der Kanji nach ihrer Häufigkeit und damit effizienten Lernreihenfolge sortiert. Die Zeichen sind, wie es sich für Japaner gehört, nach der Reihenfolge der Aussprache nach dem Kana-System sortiert.

Mit einem japanischen Kanji-Referenzbuch zu arbeiten heisst im Klartext, dass man schon einiges an Japanischkenntnissen haben muss, um darin zu finden was man sucht. Als Minimum muss man Hiragana und Katakana lesen und verstehen können. Einen Trick für Anfänger gibt es dann:

1. Man sucht und lernt die Bedeutung seiner Kanji mit einem klassischen deutschen oder englischen Kanji-Lexikon, z B. von Kana und Kanji von Langenscheidt.
2. Anhand der dortigen On-Lesung sucht man sich das entsprechende Kanji in dem japanischen Referenzbuch.
3. Jetzt kann man die verschiedenen anderen Schreibformen des gefundenen Kanji in den Stilen Kaisho, Gyosho und Sosho üben.

Die Arbeitstechniken des PKP


Bevor ich Ihnen die ersten Kanji meines Projekts zeige, hier ein paar Informationen:

Alle Kanji habe ich mit einem schlanken, langen Marderhaarpinsel geschrieben.

Er stammt von dem exzellenten chinesischen Hersteller Lanzhou Orchidee und hat 4,0 cm Länge und 0,5 cm Breite.
Für Kaisho ist er nicht so leicht einzusetzen und deshalb eher für etwas Fortgeschrittenere, da er weich und elastisch ist und somit weniger fühlbaren Gegendruck beim Ansetzen und Stoppen bietet als ein kurzer, harter Pinsel.

Der Pinsel hat ein gutes Tuschereservoir und ist bei den dynamischeren Pinselführungen des Gyosho und Sosho sehr gut geeignet, seine Spitze hält sich ebenfalls sehr präzise.

An sich tut man sich leichter und erzielt auch bessere Ergebnisse, wenn man für unterschiedliche Schreibstile jeweils besser angepasste Pinsel benutzt. Durch den bewussten Verzicht auf solche für die unterschiedlichen Schriftarten optimalen Pinsel bekomme ich als Gegenleistung eine besser fühlbare Vergleichbarkeit der Eigenarten der Zeichen.

Die Zeichen sind jeweils ca. 4 cm hoch, also für Kalligraphien eher klein. Damit wird das Schreiben zwar deutlich schwieriger, aber ich muss mir auch mehr Mühe geben den Pinsel schnell und dynamisch zu bewegen, um Ausbluten der Tusche zu vermeiden. Damit geht diese Art des Schreibens nicht so sehr in die Richtung der künstlerischen Kalligraphie sondern in Richtung des authentischen Schreibens.

Als Papier verwende ich ein handgeschöpftes chinesisches Museumspapier aus Anhui mit doppelter Stärke und einer deutlich sichtbaren Struktur des Schöpftuches und -gewebes.

Es saugt spürbar und verlangt eine schnelle Pinselführung, damit die Tusche partiell nicht ausblutet und unschöne Kleckse macht. Das Papier ist nicht geglättet, so dass man die natürliche Welligkeit sehen kann, die nach dem Trocknen der Tusche entsteht.

Bei der Tusche habe ich je nach Laune verschiedene Versionen variiert. Meistens ist es blauschwarze Kiefernholztusche aus China oder Japan. Natürlich ist sie auf feinen Suzuri-Reibesteinen handgerieben.



Die Namenssignatur ist sehr traditionell. Sie verwendet Zeichen aus einer Zwischenform der alten Zeichen aus China gekommenen Zeichen der Manyokana des 6. bis 8. Jahrhunderts und der japanisch adaptierten Hiragana des 11. Jahrhunderts.

Gestempelt habe ich mit meinem Motto "Wanderer auf dem Weg" in tiefroter Zinnoberpaste aus China. Der Schriftstil des Stempels ist unüblich in Kaisho. Die sonst bei Signaturstempeln von Künstlern übliche Steinschrift habe ich bewusst nicht gewählt, ich wollte das Motto leicht lesbar halten.

Die ersten Kanji


Im folgenden finden Sie die Arbeiten meines Kanji-Projekts. Vor jeder Dreiergruppe zeige ich Ihnen die entsprechende Vorlage des Kanji-Refernbuches und dann die drei Kanji in den vier Schriftvarianten. Zu besonderen Merkmalen gebe ich jeweils kurze Erläuterung.



Die ersten drei Kanji sind wenig verwunderlich die Zeichen für Eins, Zwei und Drei.

Quelle: Naganuma, Naoe: Kanji Book 1, page 25, Japan, 1951

Das Zeichen Ichi - Eins ist zugleich der waagerechte Strich und die erste Übung eines jeden Anfängers der Kalligraphie.

Bei der Kaisho-Form habe ich den Anfangs- und Enpunkt relativ stark betont, so dass das Zeichen dort verstärkt ausläuft.

Das Zeichen Ni - Zwei zeigt sehr schön, wie sich der obere waagerechte Strich in der Kaisho-Form zunehmend in einen Punkt mit Richtungswechsel entwickelt.

Am Anfangspunkt der zweiten Linie ist der dynamische Einstieg der Vorbewegung zu sehen. Ab der ersten Gyosho-Form muss man dieses Zeichen dynamisch durchschreiben.

Das Zeichen San - Drei verstärkt die unterschiedliche Ausprägung der Richtungswechsel und Übergänge, die man im Zeichen Ni gelernt hat.



Die Kanji Nummer vier bis sechs des Referenzbuches sind die Zeichen für Vier, Fünf und Sechs.

Quelle: Naganuma, Naoe: Kanji Book 1, page 26, Japan, 1951

Das Zeichen Shi - Vier ist besonders in Kaisho ein schwieriges Zeichen. Die Balance zwischen den geringfügig unterschiedlich geneigten senkrechten Seiten ist anspruchsvoll und entscheidend für harmonische Balance.

Von Gyosho zu Sosho werden die Formen zunehmend runder, erst im Rahmen und dann in den zwei inneren Strichen.

Alle vier Formen behalten die Strichfolge bei, der letzte Strich geht bei Sosho verloren.

Das Zeichen Go - Fünf ist ein sehr angenehm zu schreibendes Zeichen. Es ist in Kaisho sehr geometrisch. In Gyosho ist es eher grazil und in Sosho kompakt.

Ein Schlüsselpunkt ist die Verbindung der Striche in Gyosho und der letzte waagerechte Strich, der für die Gesamtbalance wichtig ist.

In Sosho wird es sehr vereinfacht und ändert Strichzahl und -folge.

Das Zeichen Roku - Sechs lebt vor allem von der Dynamik der Richtungswechsel zwischen allen verwendeten Strichen, die von Kaisho bis Sosho zunimmt.

Auch hier ist Gyosho grazil und Sosho wird etwas kompakter.