Die Harmonie der Elemente
Bildergalerie: Arbeitsmaterialien des Shodo
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Der Arbeitsplatz, hell und ausreichend Platz. -
Die einzelnen Utensilien griffbereit angeordnet. -
Reibe- und Tuschestein, Basis für die Tusche. -
Zwei noch trockene Pinsel auf dem Pinselhalter. -
Das Papiergewicht hält das Papier. -
Rote Zinnobertusche für Korrekturen. -
Stempel und Paste für die eigene Signatur.
Der Weg ist das Ziel
Will man die Kunst des Schreibens der Kalligraphie besser verstehen, muss man sich tiefer mit dem asiatischen
Kunstansatz auseinandersetzen. Der Satz "Der Weg ist das Ziel" gilt gerne als plakativ, abgedroschen und
verbraucht. Nichtsdestotrotz erklärt er kompakt das Grundprinzip, eine asiatische Kunst wie das Shodo
zu verstehen und letztendlich erfolgreich und erfüllend zu praktizieren.
Der Weg kann am Anfang unglaublich kompliziert aussehen, so wie viele neue Wege, die wir beschreiten.
Neue unbekannte Wege sind stets eine Herausforderung ...
(Gratwanderweg vom Iimori-San zum Hinata-San, Fukuoka, Kyushu)
Betrachtet man statt des Ziels jedoch den Weg, so folgt man dem Motto "Was Du auch tust, tue es mit Herz, Seele und Überzeugung. Was Du auch tust, tue es gut!" Mit diesem Ansatz spielt es keine Rolle mehr, ob man schnell oder langsam voranschreitet, begabt oder ungeschickt ist. Man muss sich nicht schämen oder frustrieren, wenn Andere scheinbar erfolgreicher oder geschickter sind. Auch schützt es einen vor dem Selbstbetrug eines Glückstreffers, jenes besonders gut gelungenen Bildes oder Zeichens, das die Illusion schafft, das Ziel erreicht zu haben. In Kalligraphie-Kursen und in meinem Kampfkunsttraining treffe ich immer wieder zwei Gruppen von Schülern an:
Der Beginner, der von unserer schnelllebigen und intellektuell geprägten Kultur glaubt, es reiche, ein Zeichen oder eine Bewegung "mit dem Kopf zu verstehen", und es damit zu beherrschen. Oft stöhnen diese ungläubig, wenn sie erleben, dass die Hand einfach nicht das tut, was der Verstand ihr befiehlt. Das Unvermögen mal so schnell aus dem Handgelenk das nachzumachen was beim Lehrer so einfach aussieht, ist eine durchaus fordernde Erfahrung. Man kann eine Kalligraphie nicht einfach anfertigen, es erfordert viel Zeit und Übung, um die feinen Änderungen der eigenen Bewegung zu beherrschen, die auf dem Papier so große Auswirkung haben.
... aber mit Unterstützung kommt man weiter.
Manchmal zeigt sich jedoch, dass es garnicht auf das Ergebnis ankommt. Der Vorgang des Schreibens wird wichtiger und erfüllender als das Geschriebene. Schreibt man ein schwungvolles Kanji in Sosho oder ein weiches Kana 50 oder 100 mal, so wird der Bewegungsablauf zum eigentlichen Inhalt und Genuss. Körper, Pinsel, Tusche und Papier bilden eine Einheit und entwickeln ein feines Zusammenspiel. Man lebt das Malen oder man meditiert im Schreiben, was manchmal als Voraussetzung gesehen wird. In strengen japanischen Kalligraphieschulen muss ein Schüler drei Monate nur die erste Form, den waagerechten Strich, üben. Nach sechs Wochen darf er erstmals von Wasser zur Tusche wechseln, denn vorher erlaubt man ihm nicht Papier zu vergeuden. Für unsere schnelle Welt wäre so etwas undenkbar, und doch durfte ich erleben, welchen Genuss es bringt sich nicht am Fortschritt zu orientieren. Trotz oder vielleicht gerade dank vieler Jahre Praxis beginne ich mein Schreiben gerne mit der Einsteigerübung von 100 waagerechten Strichen. Ich geniesse die Ruhe und Gunst einfach nur die Hand immer und immer wieder den gleichen Ablauf gleiten zu lassen und freue mich, wenn ich nicht mehr über ein Zeichen nachdenken muss. Auf einmal steht es vor mir auf dem Papier ohne dass ich mich an Anfang oder Ende erinnere. Es ist wie in der Kampfkunst. Wenn man nicht mehr denkt sondern der Körper alles von sich aus macht, dann geht man den Weg.
Interessierten empfehle ich hier sich zu den Themen "Mushin - Leere" und "Zanzshi - volle Aufmerksamkeit" zu informieren. Die völlige Leere und Freiheit von Gedanken und die bedingungslose Fokussierung erlauben ein anderes Bewusstsein in den Kampfkünsten und auch in anderen Formen, wie der Kalligraphie, zu erlangen.
Vor uns die Leere und doch nicht leer.
(Schwimmendes Tor des Ouuo Schreins, Saga, Kyushu)
Die Schönheit im Detail
Liegt der Schlüssel einer Kunst nicht im Ergebnis, sondern im schaffenden Vorgang, dann erhalten
andere Aspekte einen neuen Stellenwert. Arbeitswerkzeuge und sogar Verbrauchsmaterial sind
nicht mehr nur "Mittel zum Zweck" sondern werden zu Bestandteilen der gesamten Kunst. Beschäftigt man sich
näher mit den Arbeitsmaterialien des Shodo, so eröffnet sich eine faszinierende und vielfältige Welt.
Scheinbar profanes Material, wie Papier und Pinsel, differieren in einer solchen Breite, dass völlig
unterschiedliche Bild- und Schrifterlebnisse und -ergebnisse entstehen, die sich beim Schreiben auch
komplett anders anfühlen. So kann die eine Pinsel/Papierkombination perfekt für grosse klassische
Blockschrift sein und eine andere perfekt die feine Grasschrift ermöglichen. Zeichen, die mit dem alten
Pinsel, der dicken Tusche, dem festen Papier zähe Übungen waren, entwickeln mit einem anderen Pinsel
und Papier auf einmal ein flinkes Eigenleben und fliegen aus der Hand.
Faszinierend wird es, wenn die Kunsthandwerker Papiergewichte, Reibesteine und Wasserspender mit
Liebe zum Detail zu eigenen Kunstwerken verwandeln. Besonders die festen Tuschestäbe - Sumi - und
die Reibesteine zum Erstellen der Tusche - Suzuri - werden seit Jahrhunderten als Kunstwerke gefertigt
und haben ihre festen Plätze in Museen und sogar als nationale Kunstschätze erobert.
Nun mag man es als übertrieben oder Spielerei betrachten, wenn ein einfaches Hilfsmittel zum Kunstwerk
erhoben wird. Aus meiner Erfahrung will ich dem widersprechen. Geht man den Weg mit offenen Augen,
dann erfährt man die Schönheit des Schwungs des Pinsel, der das Zeichen mit Eigenleben auf das Papier bringt.
Dabei begleitet ihn die Gestaltung des Papiergewichts, das nicht einfach nur das Papier flach hält
sondern es umrahmt, die Pinselablage, deren feine Holzarbeit edel die Pinsel aufnimmt und der in
Porzellan gefertigte Wasserspender - Suiseki -, mit dem das Nachfüllen von Wasser in den Reibestein für den
nächsten Schub Tusche eine kleine aber ästhetische Handlung wird.
Sicher mag es sein, dass man seine Pinsel besser reinigt, wenn man sie danach in eine vielschichtig aus
Seide und Bambusfasern gewebte Unterlegmatte legt, und dass man den teuren handgravierten Reibestein
wegen der kunstvollen Verzierung besser reinigt als den einfachen konturenlosen Pressstein. Tusche
ohne eingetrocknete Rückstände vorheriger Aktionen ist ebenfalls hochwertiger. Aber solche Argumente
spiegeln dennoch die westliche,
zielorientierte Zweckmäßigkeit wider und vergessen den asiatischen Geist: Denn jedes noch so kleine
Detail verdient unsere volle Anerkennung und Aufmerksamkeit. Wenn wir dies würdigen, dann werden wir
auch dem kleinsten, scheinbar nebensächlichen Akzent in einem Pinselstrich unsere Aufmerksamkeit
schenken und unsere Kalligraphie wird eine andere Stufe erreichen. Unsere Aufmerksamkeit im Leben
wird sich erweitern und wir eröffnen uns die Schönheit im Detail.
Weitere Informationen zu den vier Grundwerkzeugen, Tusche, Reibestein, Pinsel und Papier, finden Sie unter Vier Schätze.